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Empfehlungen : Von Experten : Regine Schön

Empfehlungen von Regine Schön
(Psychologin der Universität von Helsinki)

Zum Tragen von Kleinkindern

Menschenkinder sind ursprünglich Traglinge, d.h. der Platz am Körper der Mutter war während der Menschheitsgeschichte der Hauptort, an dem das Kind seine ersten Lebensmonate verbrachte. Geschützt durch die Nähe der Bezugsperson, gewärmt von ihrem Körper, und direkt an der Nahrungsquelle, hatte das Kind die besten Chancen, zu überleben, und die besten Bedingungen für eine gesunde Entwicklung. Deshalb fühlen sich Babys auch heute noch besonders wohl, wenn sie Köpernähe geniessen können. Deshalb sträuben sie sich so oft, wenn sie abgelegt werden und den Körperkontakt zu ihrer Bezugsperson verlieren. Deshalb weinen sie, wenn sie Zeit alleine ohne die Berührung eines wärmenden Körper verbringen sollen. Die Erwartung, getragen zu werden, ist dem Menschenkind angeboren. Dass ein Kleinkind in der heutigen Zeit nicht mehr den gleichen Gefahren und Bedrohungen ausgesetzt ist wie ein Kind in den früheren Phasen der Menschheitsentwicklung und dass andauernder Körperkontakt zur Betreuungsperson heutzutage nicht mehr eine absolute Überlebensbedingung ist, ändert nichts an der Tatsache, dass Nähe zur Bezugsperson ein natürliches Bedürfnis eines jeden Babys ist.

Die Nähe zum Kind erleichtert es den Eltern auch, die individuellen Bedürfnisse des Kindes wahrzunehmen und auf sie einzugehen. Das Kind erfährt Geborgenheit, die Erfüllung seiner Bedürfnisse und entwickelt ein Urvertrauen in die Welt. Der Aufbau einer sicheren Bindung zu den Hauptbezugspersonen wird so im Kind unterstützt—ein wichtiger Baustein für eine weitere positive Entwicklung. Mancherorts hört man noch Stimmen, die vor der Verwöhnung eines Kindes mit zu viel Nähe warnen. Das Kind würde dadurch in seiner Selbständigkeitsentwicklung gebremst werden. Solche Befürchtungen sind aber vollkommen unbegründet. Ganz im Gegenteil, Kinder, die von klein auf in allen Situationen auf die Nähe und den sicheren Schoss ihrer Eltern haben zählen können, zeigen sogar schon sehr früh selbständiges Verhalten. Sie haben gelernt, dass elterlicher Schutz wenn nötig immer für sie da ist—also können sie dann auch unbesorgt die Welt um sie herum erkunden.

Die Benutzung eines Tragetuches ermöglicht es sowohl Eltern als auch anderen Betreuungspersonen, ein Baby bequem und auch über längere Zeiträume an ihrem Körper zu tragen und ihm so Geborgenheit zu bieten. Gleichzeitig bleiben beide Hände des Tragenden frei, sodass nebenbei noch andere Arbeiten verrichten werden können. Ein Tragetuch ist kein Zauberwerkzeug und kann sicher keine liebende Mutter und keinen liebenden Vater ersetzen. In den Händen von Eltern, die ihrem Kind eine sichere Kindheit bieten wollen, kann es aber ein wunderbares Hilfsmittel sein, welches den Alltag in vielerlei Hinsicht erleichtern kann.

Ein Tragetuch in der Form eines Wickeltuches ist besonders zu empfehlen, da es sich individuell an den Körper des Kindes anpasst und verschiedene Tragestellungen ermöglicht. Es ermöglicht weiters eine ausreichende Stützung des Kindesrückens und -kopfes und die orthopädisch optimale Spreiz-Anhock-Stellung der Beine. Ein weiterer Vorteil ist, dass dasselbe Tuch für Kinder verschiedenen Alters benutzt werden kann. Ein gut sitzendes Tuch ist auch für den Tragenden wichtig und schont den Rücken.

Bei der Auswahl eines gewebten Tragetuches soll darauf geachtet werden, dass der Stoff in Längs- und Breitrichtung straff, in Diagonalrichtung aber leicht dehnbar ist. Diese Eigenschaften erlauben dem Tuch, sich optimal an den Körper des Kindes anzuschmiegen. Doppelt umgenähte Kanten verhindern, dass das Tuch sich an den Kanten ausleiert, und schneiden auch nicht in die Kinderbeinchen ein. Elastische Trikottücher sind besonders weich und dadurch besonders für Neugeborene oder Frühgeburten geeignet. Zuletzt sollte auch auf Schadstofffreiheit im Material des Tragetuches geachtet werden, damit das Tragetuch rundherum kindersicher ist.

Regine Schön, Helsinki, Finnland
Psychologin (bereitet eine Doktorarbeit zum Thema Natürliche Kleinkindpflege vor)

© 2006 Regine Schön